|
Der Glaube an die vermeintliche Heilwirkung von Steinen lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Sechstausend Jahre alte sumerische Schriften berichten von heilsamen, heilenden oder medizinischen Anwendungen, ebenso der früheste bekannte medizinische Text Chinas, der auf etwa 3000 v. Chr. datiert wird. Ja, es werden sogar noch ältere Zeugnisse der rituellen Verwendung von Steinen vermutet: So fand man Hämatit als Beigabe in Gräbern der jüngeren Altsteinzeit. Friebe (Quelle: Meilensteine der Geschichte der Heilsteinkunde [Friebe 1995, Krämer 1996, Schmitt-Riegraf 2000] ) nimmt an, dass dieses heute auch unter dem Namen "Blutstein" bekannte Eisenoxid dem Verstorbenen offenbar im Leben nach dem Tod als Blutquelle dienen sollte, jedoch muss dies mangels Kenntnis paläolithischer Jenseitsvorstellungen Spekulation bleiben.
Aber warum vermuten Menschen eine Heilkraft hinter Steinen? Es entspricht einer anthropozentrischen (Ethiken die auf den Menschen bezogen sind) Weltanschauung, hinter der außergewöhnlichen Form der Minerale und ihrer Seltenheit übernatürliche und geheimnisvolle Kräfte zu vermuten, die ausgerechnet zur Linderung menschlicher Leiden dienen sollen. Seit Alters her stellten Naturkatastrophen, Krankheiten und Ernteausfälle eine existenzielle Bedrohung für die Menschen dar, und nur selten genügten medizinisches und technisches Wissen, um diese Gefahren abzuwenden.
Das Wirken numinoser (das Walten eines göttlichen Wesens ohne personalen Charakter) Mächte, von Geistern und Dämonen, wurde als Erklärung herangezogen, und rituelle Bräuche, Amulette und Abwehrzauber sollten diese Wesen besänftigen, beschwören oder bannen (Friebe 1995). Minerale und Kristalle hatten dabei einen festen Platz. Im Gegensatz zur heutigen Zeit jedoch, wo Heilsteinen eine medizinische Wirkung nachgesagt wird, stand damals der Versuch im Vordergrund, Krankheit und Schaden verursachende Geister und Dämonen zu bannen.
Eine Verbindung von Heilstein-Glauben und Astrologie erfolgte durch die Zuordnung eines ausgewählten Minerals als glückbringendes Amulett für jeweils ein Tierkreiszeichen.
Im Christentum traten an die Stelle der zwölf Tierkreiszeichen die zwölf Apostel, denen jeweils ein Stein zugeordnet wurde. Auch in der Bibel selbst, tauchen Edelsteine als Attribute der göttlichen Vollkommenheit auf, so in der Vision des Himmlischen Jerusalem aus der Johannes-Offenbarung (Offb. 21, 10-21). Die dort erwähnten zwölf Steine finden sich auch in der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches wieder, die (wahrscheinlich im Jahre 962) für Otto I. angefertigt wurde.
Die heutzutage meistzitierten Quellen zur Edelsteintherapie sind die Schriften der Äbtissin und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179), die ihre Vorstellungen meist aus visionärer Schau bezog. Die dort postulierten Wirkungen religiöser Entitäten auf das physische Befinden spiegeln das mittelalterliche Konzept der Einheit von seelischem und körperlichem Zustand wider.
Auch der legendäre Arzt Paracelsus (Philipp Aureolus Theophrast Bombast von Hohenheim) übernahm im 16. Jh. das Prinzip des Analogiezaubers in seine Signaturenlehre: "Gott in seiner unendlichen Güte und Weisheit hat alle Stoffe, alles Leben mit besonderen Kräften ausgestattet. Damit der Mensch diese Kräfte erkennt, deuten Form und Farbe auf die möglichen Anwendungsbereiche" (Friebe 1995).
Nach diesem historischen Exkurs ist ersichtlich, dass die Stein-Heilkunde auf uralten magischen bzw. wissenschaftlich nicht haltbaren Vorstellungen beruht. In der heutigen Esoterik lebt sie als Konglomerat aus Magie und Elementen diverser Religionen weiter, verbunden mit Systemen wie der Astrologie. Minerale werden dabei neben Klängen, Düften und Farben eingesetzt, um Gesundheit und Wohlbefinden zu erlangen.
...zurück...
|